Begleittext

Ich positioniere mich. Ich stelle mich. Ich ringe um Haltung. Ich erschöpfe mich ohne Nachhalt. Ich verausgabe mich gegen eine Leere. Meine Vordiplomsarbeit trägt den Titel „Es ist davon auszugehen op.0“. Im Sinne von Das ist zu erwarten! Die Kapitulation vor einem grundlegenden, existenziellen Zweifel. Denn letztlich zählt nichts anderes als die persönliche Befindlichkeit.

27. Juni 2012 – 09:53h
Ich schreibe mit Edding 09:53 und Kapitulation an die Wand, an die ich mich anschließend mit dem Rücken zum Raum stelle. Dafür stelle ich mich auf ein weißes Brett, das als Bühne funktioniert und den Bereich abgrenzt, in dem ich diese Performance stattfinden lasse. Es markiert einen anderen Modus.

10:00h
Die Prüfungskommission betritt für 5 Minuten den Raum. Sie sieht mich an der hinteren Wand stehen, ich wiederhole in ungleichem Abstand den Satz „Es ist davon auszugehen, dass ich genauso irre wie du„. Ich stehe sehr angespannt und unbeweglich still. Ich versuche keine Rührung zu zeigen, mein ganzer Körper ist unter Spannung.

11:35h
Teil zwei der Prüfung: Ich zittere stark, ich wanke und knicke immer wieder ein. Mein Körper verlangt danach, sich hinzusetzen oder sich zu bewegen. Doch ich stemme mich immer wieder auf, stelle mich gerade hin und unterdrücke mein Zittern mit meinem Satz. Du und Ich im Satz verschwimmen. Es ist davon auszugehen, dass ich genauso irre wie du.

11:40h
Ich breche die Performance vorzeitig für die Prüfung ab, die ich normalerweise so lange durchziehe, bis ich nicht mehr aus eigener Kraft auf dem Brett stehen kann. Unter diesen Umständen und der hohen Anspannung wäre der Moment noch vor 12h gewesen, in entspannterer Haltung habe ich es in der Galerie KuB mehr als dreieinhalb Stunden ausgehalten.
Ich drehe mich um, ich inszeniere die Rückkehr in den Normalmodus, konfrontiere die Anwesenden mit meinem neu installierten Gegenüber, indem ich sie alle nacheinander direkt anschaue. Anschließend notiere ich die Endzeit hinter das Wort Kapitulation und verlese obenstehenden Begleittext.

Ich drehe dem Betrachter meinen Rücken entgegen, mein Nacken ist eine empflindliche Stelle. Ich mache mich angreifbar, ich begebe mich in eine Ausnahmesituation, die an meinen Nerven zehrt. Das ist mir anzusehen.